Neuerscheinung:

Bilder und Gedichte
Brigitte Wanzenried (Bilder)
Margo Fuchs Knill (Gedichte)
2008, Chamaeleon, Basel
Werke
Kurze Inhaltsangaben (eine Auswahl)
POETISCHE ESSAYS
Texte, welche die Dichtkunst ansprechen: poetische Definitionen zum Wesen der Lyrik und des lyrischen Schreibens
Texte, die fürsprechen, ja sagen zur Liebe und der Vergänglichkeit
Textprobe I
Poesie ist auch eine festliche Sprache, abgehoben von der Alltagssprache, wiewohl daraus schöpfend. Sie kehrt sozusagen das Werktagsgewand und säubert die Nahtstellen.
Sie kommt dann zum Vorschein, wenn Menschen dem Innenfutter ihres Lebensmantels auf den Grund gehen wollen.
18.09.01, Hartwell State Park, S.C.
Schreiben. Ohne das blockende 'b' zwischen i und e wird Schreiben zum Aufschrei, zur allseitig verständlichen Sprache, zur Vorsprache, zum Lauten, verlauten lassen. Zur tönenden Zeichensprache, die das Bild des Schreienden dazu setzt.
Schrei/b/en bis zum Liebesschrei, bis zu Munch's Bild des totenstillen Angstschreis. Schreie des Entsetzens, des Erstaunens, der Freude oder der Lust, sie alle, eine Stosskraft ins Form/ulieren. Hörbare Berührung, die die Poren öffnet, Hautlandschaften vereint, wenigstens einen Aufschrei lang.
Wozu schreiben? Weil jetzt gerade zufälligerweise (USA) historisch eine wichtige Ära ist, weil Krieg den Terroristen angesagt ist, weil die beiden höchsten Gebäude der Welt durch eine Flugzeugattacke, wie Kartenhäuser, minutenschnell, in sich zusammenstürzten, weil das 120 - stöckige Welthandels- Zentrum in Schutt und Asche gebrochen, heruntergekommen ist und der Präsident der Vereinigten Staaten “safe“ ist? Und weil man sich als Zeuge plötzlich so wichtig vorkommt? Ein paar hundert Bibeln wurden ins Pentagon gesandt: “and it made a difference“.
Schreiben als Mittel, seine Gedanken oder die Anderer in einem selbst loszuwerden, als Akt der Befreiung? Oder ist es eher umgekehrt, dass mich der Gedanke erst findet, sich schreibend erfindet, das vermeintliche Gemeinte ins Wesentliche vorstösst, ein Akt der Worthäutung.
...
30.09.01, Hartwell State Park, S.C.
Er gehe jetzt schlafen. “Machs guet. Und trage dir Sorge.“
Seine Sätze haben sich gelichtet, entspringen dem knappen Hier und Jetzt, als ob viele bereits ins Staublose gegangen seien.
Leute sagen: Er ist pflegebedürftig geworden.
Immer trat er vehement ins Dasein, jetzt hat es ihn not-dürftig.
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Wie schnell sich der Wind doch wendet. Im Nu hat sich der schwarze Vogel ins Wasser gestürzt und den schillernden Fisch gepackt.
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Schreiben als Danksagung.
Jedes grundlose In-den-Tag-Aufwachen, ein Grund mehr, ein Grund weniger, Grund in sich.
Dort stirbt bald ein Mensch, ein Vater Väterchen, mein Vater Väterchen. Täglich wird gelitten und gestorben - morgen gehst du voran und vergrundest.
Uns das Sagen geben. Uns flüchtigen, anpackenden Menschen.
Auf die Petite-Chance, auf den verrückten Zufallstreffer, den aufgesparten Glückswurf hören.
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Immer wieder die verlorene Stimme locken
Immer wieder ins Loch der Stummheit fingern
Immer wieder eine Träne der Liebkosung.
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aus:
TIEFE LIEGT AUF DER HAND
oder
von der Kunst am Obergrund zu bleiben
In: Crossing Boundaries. Explorations in Therapy & the Arts. A Festschrift for Paolo Knill. Editor: Stephen K.Levine. EGS Press Canada, 2002
Textprobe II
Wie kann Poesie, die künstlichste aller Sprachen, einen Beitrag zur Veränderung leisten?
Poesie verstört unser alltägliches Sprachbewusstsein und unser Denken. Sie bringt beides so durcheinander, dass durch das Bilden von neuen Formulierungen sozusagen „frische“ Wörter entstehen und damit eine Chance, die Welt fortwährend zu entdecken, sie zu einem poetischen Erlebnis aufleuchten zu lassen.
Dieses Essay ist in poetischer Sprache verfasst. Das heisst, es liest sich in Zeilen, zwischen den Zeilen und in aphoristischen Sätzen.
Wie anders mag die Poesie wirksam sein, wenn sie nicht mitwirkt?
Poetische Sprache verlangsamt, verlangsamt den Lesedrang, den Drang es aufs Mal kapiert zu haben. Wort für Wort, Satz für Satz, Zeile für Zeile – „Eile mit Weile“.
Poetisch in Frage gestellt wird die Tatsache, dass wir Menschen an die Sprache gebunden sind, und genau so über die Sprache stolpern.
Wenigstens dies –
ein Dach für die Poesie
ein kleiner Himmel
für uns Obdachlose, Suchende
uns ständig neu Erfindenden
in einem Zeitalter von Diskontinuitäten
und Möglichkeitsfeldern.
Wenigstens dies –
die Klarheit des Himmels
der unseren Blick für das Blaue schärft
wolkenloses, fleckenloses Tiefblau
formlos, geschmacklos
undurchdringbar, unverrückbar
leicht im Haltlosen.
Royales Blau
der reinste Ton, der stillste.
Wenigstens dies –
ein Auge zu haben für das,
was unserem Blick entsteigt
metallisch klar, Blau in Blau satt
unersättlich für unser Sehen.
Wenigstens dies –
ein Himmel für den kleinen Himmel
der den Blick nach oben richten lässt
Segler der Lüfte, lautloses Geflatter
Poesievögel, auf und davon.
Weiss zu Blau,
ein Dach für unsere flüchtigen Worte.
...
Die Sprache gehört allen. Auch poetische Worte sind Dichter los.
Das Wort kommt so zu mir, wie ich auf es zugehe.
Das Schreiben von Gedichten ist Gedanken-los. Befreit das Gedachte ins Unbedachte. Die Gedanken sind frei.
Sobald man eine „gute Idee“ fest-halten will, stockt der Schreibfluss („Wie war das nun doch?“).
Das Gedicht sperrt sich, blindlings alle Worte zu schlucken, es ist kein Abfalleimer der Sprache – es ist ein Recycler.
...
Das Gedicht dichtet sich selbst, und es erdichtet mich mit.
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Nadolny hat analysiert, was beim erzählerischen Schreiben passiert. Ähnlich läuft es beim poetischen Schreiben. Dass ein Gedanke den andern nach sich zieht und das Schreiben, wenn Papier und Stift zur Hand sind, dem Gedankengang wie ein Schatten folgt, diese mechanistische Vorstellung erweist sich als untauglich. Das Geschriebene selbst verscheucht den vorgefassten Gedanken, es bleibt beim Vor-Satz.
In dem Sinn ermöglicht das poetische Schreiben, umzudenken.
Denn ich kann einem Gedicht weder meine Gedanken noch Stimmungen aufzwingen, sowenig ich dem Himmel befehlen kann, er solle nicht regnen.
Wie kann das Gedicht mir etwas zu sagen haben, wenn ich ihm sage, was es zu sagen hat?
Wenn aber die Gedanken nicht schön brav mich in einen Schreibfluss kommen lassen, was dann? Was kann mich leiten, wenn sich der Leitgedanke in die erscheinenden Worte auf dem Papier verflüchtigt?
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aus:
DIE POESIE DES WANDELS.
Poetische Sprache als Neukonstruktion des Denkens.
In: Kunst wirkt(Hg.)
Lektorat: Barbara Traber, Schriftstellerin Redaktion orte Die Literaturzeitschrift der Schweiz
Bibliographie:
Domin, Hilde (1979): Abel steh auf. Reclam, Stuttgart.
Domin, Hilde (1999): Das Gedicht als Augenblick von Freiheit. Fischer, Frankfurt am Main.
Eco, Umberto (2003): Die Bücher und das Paradies. Hanser, München Wien.
Eco, Umberto (1999): Im Labyrinth der Vernunft. Reclam, Leipzig.
Knill, Paolo, J. (2005): Kunstorientiertes Handeln in der Begleitung von Veränderungsprozessen. EGIS Verlag, Zürich.
La Cour, Paul (1953): Fragmente eines Tagebuches. Bücher der Runde, Frankfurt am Main.
(1987): Meyers Kleines Lexikon Philosophie. Meyers Lexikonverlag. Mannheim.
Nadolny, Sten (2001): Das Erzählen und die guten Ideen. Die Göttinger und Münchener Poetik-Vorlesungen. Piper, München.
Nin, Anaïs (1994): Sanftmut des Zorns. Knaur, München.
Rushdie, Salman (1999): Der Boden unter ihren Füssen. Roman. Kindler, München.